Verfasst von: skategyrl | 24/07/2012

Privilegien und Zärtlichkeiten

Dieser Beitrag bezieht sich auf die Knutsch-Diskussion die gestern bei Twitter stattgefunden hat. Dabei ging es um die Frage, ob es ein Privileg der Heteros ist, in der Öffentlichkeit Zärtlichkeiten auszutauschen und ob Heteros aus Solidarität mit LGBT-Menschen auf öffentliches Küssen etc verzichten sollten. Wenn mir jemand vorwerfen möchte dass ich eine verwöhnte weisse Hete* bin, hätte der- oder diejenige absolut Recht. Trotzdem möchte ich hier meine Gedanken und (subjektive) Erfahrung niederschreiben, in der Hoffnung dass vielleicht dadurch für einige Heteros/Heteras die Problematik verständlicher wird.

Frage: Ist die Tatsache, dass (Cis-)Hetero-Pärchen wenn sie in der Öffentlichkeit rumknutschen nicht dumm angemacht werden ein Privileg?

Antwort: Ja. Fick ja!

Aber eins nach dem anderen. Gestern Nachmittag, als ich die Diskussion bei Twitter so nebenher mitverfolgt habe, forderten einige Leute wurde (fälschlicherweise) angedeutet einige Leute hätten gefordert, meist mit Verweis auf diesen Blogpost von @RiotMango, dass Hetero-Paare gefälligst auch auf öffentliche Zärtlichkeiten verzichten sollten weil sie für homosexuelle Paare problematisch sind. Das hat mich sehr befremdet. (EDIT: Mittlerweile hat sich herausgestellt dass diese Forderung so nie existiert hat.)

Hallo? dachte ich, ich versteh ja dass es nervt immer blöd angequatscht zu werden, aber deswegen kann man doch nicht allen das Knutschen verbieten! Es soll halt jede_r knutschen wenn er oder sie will und gut ist!

Nun habe ich in meiner Zeit auf Twitter viel über Privilegien gelernt und weiss wie leicht es ist, nicht zuzuhören und erstmal alles abzuwehren was einem nicht passt. Ausserdem kenne ich mittlerweile einige Personen auf deren Urteil und moralischen Kompass ich mich beinahe uneingeschränkt verlassen kann, was sehr hilfreich ist wenn ich selbst mal unsicher bin was richtig ist und was nicht. Also habe ich erstmal weiter zugehört (bzw mitgelesen).

Richtig die Augen geöffnet hat mir erst dieser Tweet von @fasel:

Mist, ja es ist ein Privileg. Es ist ein Privileg dass ich mit meinem Freund händchenhaltend durch die Stadt laufen kann, dass wir in der Mensa rumknutschen können, dass wir uns am Flughafen filmreif in die Arme springen können und dafür höchstens beschmunzelt werden, aber nicht von wildfremden Menschen angequatscht oder gar angefeindet werden.

Vor einigen Wochen habe ich in der Fussgängerzone folgendes mit angesehen: Zwei junge Frauen gehen Hand in Hand die Strasse entlang. Ein Mann, seine 2-, vielleicht 3-jährige Tochter auf den Schultern tragend, bleibt wie angewurzelt stehen, starrt den Frauen entsetzt hinterher, schüttelt demonstrativ den Kopf und murmelt irgendetwas Unverständliches. In dem Moment konnte ich nicht anders als dem kleinen Mädchen zu wünschen dass es heterosexuell ist. Ob die Frauen das Ganze überhaupt mitbekommen haben, weiss ich nicht, aber ich erinnere mich noch daran dass sie eine halb defensive, halb trotzige Aura umgab als würden sie damit rechnen, jederzeit angegriffen zu werden. Die Art wie sie aufrecht liefen und sich an den Händen hielten zeigte wieviel Kraft es sie gekostet haben muss, einfach nur zu zeigen, wir sind zusammen, wir lieben uns.

Es ist Realität dass in vielen Ländern der Erde Homosexualität eine sehr konkrete Gefahr für Leib und Leben darstellt. In Deutschland ist die Situation zum Glück nicht so schlimm, aber sie ist auch lange nicht so gut dass wir uns darauf ausruhen könnten. Ich habe ganz ehrlich auch keine Patentlösung parat,  ich weiss auch nicht ob ich das durchziehen könnte, in der Öffentlichkeit komplett auf Küssen etc zu verzichten. Aber ich weiss dass das Mindeste was ich tun kann ist, zuzuhören und mir bewusst zu machen wie die Welt für Menschen ausserhalb meiner rosaroten Privilegien-Seifenblase aussieht. Und andere darauf aufmerksam zu machen.

Also liebe Mit-Heteros, nehmt euch zu Herzen was @Puzzlestuecke sagt:

Lest diesen sehr guten Blogpost von @yetzt und @sanczny und die enthaltenen Links. Für Heteros die die LGBT-Community unterstützen wollen empfehle ich auch diesen interessanten Artikel von @mycalsmith (via @GreenSkyOverMe).

Wie Die Ärzte schon treffend gesungen haben, es ist nicht deine Schuld dass die Welt ist wie sie ist, es wär nur deine Schuld wenn sie so bleibt.

*Klarstellung: Ich würde mich selbst eher als „Hetera“ bezeichnen, habe aber kein Problem damit „Hete“ genannt zu werden. Ich würde natürlich trotzdem niemals jemanden „Homo“ nennen.

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Responses

  1. Ich halte die Debatte ehrlich gesagt für reichlich irritierend.Vielleicht habe ich da auch nur irgendeinen Kernpunkt nicht verstanden, es geschafft diesen zu überlesen weiß der Teufel. Aber mein Standpunkt ist folgender:

    Das Problem ist letztendlich die mangelnde gesellschaftliche Akzeptanz, alles andere lediglich Symptome. Und was hier der „Kuss-Verzicht“ bewegen soll, die als nicht sichtbare Maßnahme naturgemäß(es gibt zu genüge Paare die in der Öffentlichkeit keine Zärtlichkeiten zeigen) ohne jegliche Folgen bleibt erschließt sich mir nicht.

    Nett gemeint, aber sinnlos.

    Eine Anpassung gesellschaftlicher Normen ist hierfür notwendig. Wie genau die passieren soll, nicht die geringste Ahnung. Ich akzeptiere sämtliche sexuelle Ausrichtungen (die Tatsache dass wir noch an LBGT ein paar Buchstaben anhängen könnten….) als Normalität. Und reagiere entsprechend irritiert wenn andere Leute das nicht tuen. Und zumindest in meinem Umkreis klappt das sehr gut. In den Jahren die ich mich damit beschäftigt habe ist mir da bislang nur ein einziger Fall untergekommen bei dem das nicht geklappt hat (der dann mit der Bibel ankam).

    Ob es ausreicht wenn eine signifikante Anzahl Personen das tut (oder ob das überhaupt die richtige Methode ist) keine Ahnung. Aber letztendlich halte ich das für immer noch effektiver als den besagten Kussverzicht.

    Disclaimgedöhns: Als Dauer-Single habe ich wenig Probleme damit in der Öffentlichkeit nicht herumzuknutschen ;)

    Mit besten Grüßen,

    Marco

    • Sicher muss das eigentliche Ziel sein, die Gesellschaft umzukrempeln. Und aktiv etwas zu tun (Homosexuelle verteidigen, homophobes Verhalten sanktionieren etc) erscheint mir auch erstmal sinnvoller als passiv etwas nicht zu tun. Andererseits möchte ich versuchen mein Privileg nicht noch deutlicher zur Schau tragen als es eh schon ist. Schwierige Sache, aber ich denke es ist schon mal ein guter Schritt dass wir überhaupt drüber reden.

  2. Gut zusammengefasst, ich kann da nur zustimmen. Schön auch, dass Du den Fokus vor allem auf das Problem der Hetero-Privilegien legst. Ich fand’s nämlich schade, dass gestern etwas viel über Sinn/Unsinn/Praktikabilität des Hetero-Nichtküssens in der Öffentlichkeit aus Solidarität diskutiert wurde. Klar, berechtigt, weil das auch ein befremdlicher Gedanke ist – aber trotzdem nur ein Nebenkriegsschauplatz; und da geriet das eigentliche Problem der Heteronormativität etwas in den Hintergrund.

  3. Wo sind die Tweets, die KussVERBOTE fordern? Ich habe bisher keinen einzigen gesehen.

    • Ich weiss nicht ob es wirklich einen Tweet gab wo das so direkt gefordert wurde oder ob mittlerweile was gelöscht wurde, aber dieser Tweet von @sanczny geht zB in die Richtung:

      EDIT: Den Tweet habe ich missverstanden. Ich weiss leider auch nicht wo das herkam.

  4. ich versteh die ganze diskussion nicht. Es wird immer Menschen geben, die andere Menschen aufgrund des aussehens, des verhaltens, der Kleidung etc nicht mögen werden. Das hat nichts mit Hetero oder homo zu tun, das passiert mir auch, wenn ich mit Black Metal outfit auf die Strasse gehen. Na und? Wie kann man nur so wehleidig sein, und wegen solch einer Nichtigkeit solch ein Fass aufmachen. Daran merkt man, wer wirklich Priviligiert und Wohlbehütet aufgewachsen ist, diejenigen, die stängig danach schauen, das auch ja jeder sie gerne hat. So ein Quatsch.

    • Danke imion dass du uns gerade so schön demonstriert hast wie Privilegien funktionieren.

      • So? Dann erklär mal.

      • Das bist du: http://3.bp.blogspot.com/_ZtoGqHR5tuo/TPFvcApL5II/AAAAAAAACZA/j3pV97TDB1s/s400/privilege-denying-dude-2.png

      • Weil das nichts, aber auch gar nichts mit Privilegien zu tun hat. Sondern mit Einstellungen von Menschen. Daher auch der Hinweis auf die Black Metal kleidung, oder nimm einen Neongrünen Iro Haarschnitt. Ihr träumt von einer Perfekten Welt, von einer Utopie, wobei die Frage ist, ob diese dann wirklich so perfekt ist.

        Was ihr wollt, ist eine Welt wie in Demolition Man, einfach nur schrecklich, und nur aus dem Grund, weil ihr überproportional wehleidig seid, weil ihr gar nicht in der Lage seid, frei zu leben, sondern immer einen Beschützer braucht, immer jemanden, der Ja dafür sorgt, das kein unangenehmes Gefühl entsteht, egal wie banal es auch ist.

        Was ihr aber überhaupt nicht beachtet, was euch scheisegal ist, wie ihr damit die Rechte anderer beschneidet, wie ihr die Freiheit anderer einschränkt, nur weil ihr nicht Frei leben könnt oder wollt.

      • Sorry, aber du hast nichts, aber auch gar nichts verstanden.
        Lies einfach mal ein bisschen, zB das: http://www.karnele.de/der-grosse-unterschied-zwischen-lesben-und-heten/

      • Ja und? Ich schrieb doch bereits, das das eine Einstellung von Menschen ist. Genauso gibt es Tierhasser, Männerhasser etc pp. Aber auch das ist ein ausdruck von Freiheit, du kannst einem Menschen nicht verbieten ein Arschloch zu seine. Solange die gleichen Rechte gegeben sind, ist alles in Butter. Durch den Rest muss man halt durch, fertig aus.


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