Verfasst von: skategyrl | 26/10/2012

Ein Eid

Inhaltswarnung: Dieser Text behandelt das Thema sexualisierte Gewalt und mögliche Folgen für die Betroffenen. Konkrete Situationen werden aber nicht beschrieben.

Liebe Freundin, lieber Freund, liebes Geschwister, liebes Kind, liebe_r Verwandte_r, lieber fiktiver Mensch aus meinem Umfeld der du sexualisierte Gewalt erlebt hast,

was dir zugestossen ist, ist schrecklich. Nichts was ich tue kann das was passiert ist ungeschehen machen, das weiss ich. Aber ich verspreche dir hiermit dass wenn du dich an mich wendest ich dich beschützen und unterstützen werde so gut ich kann.

Wenn du dich mir anvertrauen möchtest werde ich dir zuhören. Wenn du nicht darüber reden möchtest werde ich dich nicht bedrängen. Ich werde dir nicht vorwerfen dass du möglicherweise jahrelang geschwiegen hast.

Ich werde nicht fragen „Bist du sicher?“ oder „Was, der? Das kann ich mir nicht vorstellen, der ist doch so nett!“. Ich werde niemals andeuten dass du in irgendeiner Form eine Mitschuld trägst weil du dich mit demjenigen getroffen hast oder dich schick angezogen oder geschminkt hast, oder wasauchimmer. Ich werde niemals andeuten dass du dich in irgendeiner Art und Weise hättest anders verhalten sollen.

Wenn andere Menschen, auch, nein besonders Familie oder Freunde, diese oder ähnliche Dinge zu dir sagen werde ich sie sofort zurechtweisen und ihnen den Kopf waschen.

Ich werde mitgehen und deine Hand halten wenn du dich ärztlich untersuchen lässt, so du das möchtest. Ich werde dir zur Seite stehen falls du schwanger wirst. Ich werde dir zur Seite stehen wenn du eine Abtreibung möchtest. Ich werde dir zur Seite stehen wenn du das Kind behalten möchtest.

Wenn du den Täter anzeigen möchtest werde ich mit dir zur Polizei gehen und dir helfen so gut ich kann. Wenn du nicht zur Polizei gehen möchtest werde ich dich genauso unterstützen.

Meine Tür wird dir immer offen stehen. Ich werde ich dich in den Arm nehmen wenn du das möchtest. Du kannst mitten in der Nacht anrufen. Du kannst dich immer an mich wenden und ich werde da sein und ich werde zuhören.

In diesem Text habe ich spontan heruntergeschrieben was mir wichtig erschien, und ich behaupte daher nicht dass der Text vollständig oder unbedingt für andere Person richtig wäre. Für mehr und umfassendere Infos was du als Unterstützer_in für von sexualisierter Gewalt Betroffene tun kannst empfehle ich zB diese Seite (via @fasel).

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Responses

  1. Vielen Dank für deinen Text! Ich hatte nun seit ca. 1 Monat vor, mich in ähnlicher Weise zu äußern und irgendwie öffentlich zu kommunizieren, dass ich mich in solchen Situationen als offenes Ohr und verständnisvoller Mensch anbieten möchte.

    Dabei hatte ich bisher drei Schwierigkeiten:

    1. war ich noch unsicher, wie ich das formulieren könnte, welche Dinge ich konkret erwähnen sollte, etc. Was du geschrieben hast, erscheint mir doch sehr vollständig, dennoch nicht „zu viel“ und auch in Form und Ausdrucksweise sehr angemessen.

    2. ich bin nicht sonderlich gut darin, zu trösten oder das Mitgefühl, was ich habe, auszudrücken. Selbst habe ich keine Gewalterfahrungen und bisher auch nur eher selten mit Betroffenen darüber gesprochen. Ich bin daher als Ansprechpartnerin und Unterstützerin vielleicht etwas schlechter geeignet, als manch andere_r. Ich weiß andererseits, dass in deinem Eid viele Verhaltensweisen erwähnt sind, die zwar eigentlich selbstverständlich sein sollten, aber leider nur einem Bruchteil der Menschen bewusst sind. Für mich sind sie selbstverständlich, und somit bin ich vielleicht doch besser geeignet als die meisten Menschen. Sogesehen sollten mich meine Imperfektionen nicht davon abhalten, das anzubieten, was ich tun kann.

    3. Ich möchte deinen Schritt nicht herunterspielen, wenn ich sage: „Das als Text im Blog veröffentlichen, ist doch einfach, das hätte ich auch gekonnt.“ Sicher hätte ich das auch gekonnt und gewollt, aber ich hab’s noch nicht getan, du hingegen schon, also ziehe ich meinen imaginären Hut. Worauf ich damit aber hinauswollte: mir wäre es wichtig, diese Bereitschaft zur Unterstützung auch im Alltag zu kommunizieren, also gegenüber all den Menschen, die mir etwas bedeuten und vielleicht nicht meinen Blog oder meine Tweets lesen. Und auch da überlege ich schon länger, wie das gehen könnte, bisher ohne Ergebnis. Die Frage hatte ich auch bei einem Workshop zu Häuslicher Gewalt mal in die Runde geworfen, auch da wusste niemand Rat.

    Punkt 1 hat sich durch deinen Blogpost ja nun quasi gelöst, Punkt 2 muss ich einfach mit mir selbst abklären, bleibt also Punkt 3 als offenes Problem. Mit genügend Zeit, Lust und evtl. weiteren Personen könnte man vielleicht einen griffigen Namen und ein Logo finden, das Unterstützer_innen sich z.B. als Button an die Kleidung pinnen können, um immer auch nonverbal zu kommunizieren: ja, du kannst dich an mich wenden.

    Hinzu kommt noch, wie du selbst ja schon schreibst, dass der Text nicht unbedingt für jede_n passt. Für mich passt er, ich würde ihn falls nötig so wie er ist unterzeichnen, auch wenn es mich schon etwas drängen würde, vielleicht noch die unter 2. genannten Einschränkungen zu erwähnen. Ich denke, für man andere_n passt er mit kleinen Einschränkungen, so dass sich für viele vielleicht die Frage stellt „kann ich den Text kopieren, ein paar Sachen ändern so dass er ganz konkret zu mir passt, und ihn dann in meinem Blog veröffentlichen?“

    Keine Ahnung was du von sowas hältst, oder ob es sowas vielleicht in anderer Form schon gibt, denn ich bin noch nicht dazu gekommen mir die verlinkte Broschüre durchzulesen, sondern wollte meine Gedanken erstmal schnell loswerden, bevor ich sie vergesse. Das Lesen hole ich aber in den nächsten Tagen nach!

    Liebe Grüße,
    Lena

    • Vielen Dank für deinen Input, ich bin sicher dass du eine bessere Unterstützerin wärst als du dir selbst zutraust.
      Mir war beim Schreiben schon klar dass ich mit dem Blogeintrag die Leute die ich anspreche eigentlich nicht erreiche. Ein grosses Ziel ist daher, andere mögliche Unterstützer_innen dazu zu animieren sich darüber Gedanken zu machen und jemandem zu helfen.
      Einen Button etc fände ich insofern problematisch als dass viele Leute es gut meinen aber wegen fehlender Kenntnis evtl mehr Schaden anrichten. Daher fände ich es erstmal wichtiger die Menschen zu informieren und aufzuklären, eben zB auf der verlinkten Seite.

  2. [Triggerwarnung für den Kommentar: Thematisierung sexualisierter Gewalt(-strukturen)]

    Erstmal finde ich es toll, dass das Angebot von Unterstützer_innen-Info hier auf fruchtbaren Boden gefallen ist. In unserer Gesellschaft ist es leider keine Selbstverständlichkeit, dass Betroffenen so entgegengekommen wird, wie du es mit deinem Eid tust.

    Ich möchte ein paar Punkte aus meiner eigenen Sicht als Unterstützer_in anmerken:

    Wichtigste Eigenschaften zum Unterstützer_in-sein, auch ohne Vorerfahrung (wobei feministisches Wissen und Awareness sehr hilfreich sind), sind:
    – Betroffenen uneingeschränkt Glauben schenken (1)
    – sich solidarisieren
    – mit dem Wissen konsequent umgehen

    Wenn sich eine Betroffene im Vertrauen an eine_n wendet, kann das auch für eine_n selbst große Konsequenzen haben (wird auch in der Broschüre aufgeführt), das sollte einer_m auch bewusst sein, wenn man Hilfsangebote wie dieses verfasst und man bislang selbst keine entsprechenden Erfahrungen gemacht hat.
    Zum einen kann sich das eigene Weltbild komplett umwälzen. Rape Culture und das patriarchale System sieht man plötzlich mit ganz anderen Augen, wenn man erlebt was es bei Betroffenen anrichtet.
    Zum anderen hat man plötzlich Wissen über Täter aus dem eigenen Freundes-/Bekannten-/Familienkreis und kann je nach dem nicht mal selbst etwas tun, oder auch nicht mit jemand weiterem darüber reden (weil der_die Betroffene_r es nicht will und unbedingte Vertraulichkeit vorraussetzt). Vielleicht muss man sich von Kreisen abgrenzen, weil sich dort mit dem Täter solidarisiert wird.
    Womöglich muss man auch mit ansehen, wie Betroffene weiter mit Tätern in Beziehungen stehen und Umgang pflegen.

    All das muss man aushalten können als Unterstützer_in.

    Den Button, den Lena vorschlägt, halte ich für keine gute Idee. Nur weil man von sich selbst denkt man sei aufgeklärt und offen für Hilfeersuchen, heisst es noch lang nicht, dass Betroffene an einen wenden und wenden sollten!
    Betroffene gehen ein hohes Risiko ein, wenn sie sich mit ihrem Fall an andere wenden. [TW] Nicht nur weil weiterhin Gefahr vom Täter ausgehen könnte, der es mitbekommen könnte, sondern auch weil Unterstützer_innen selbst eine Gefahr darstellen (bei ichhabnichtangezeigt berichten immerhin 1,4% von »erneute sex. Gewalt durch denjenigen, dem es erzählt wurde« http://ichhabnichtangezeigt.files.wordpress.com/2012/07/auswertung_ausf-web.pdf). Dazu kommt, dass selbst in aufgeklärten Szenen durchaus auch Täter unterwegs sind, die so einen Code ausnutzen könnten.
    Betroffene müssen einer Person *sehr* stark vertrauen, wenn sie sich an sie wenden, da hilft ein Button nichts. Für den Fall dass es solche Personen nicht in ihrem Umfeld gibt, gibt es anerkannte Hilfseinrichtungen: Frauennotrufe/Frauenhäuser.

    Das alles gesagt, möchte ich trotzdem, oder gerade deshalb, appellieren genau in sein Umfeld zu schauen und Hilfsangebote machen, wenn nötig und möglich. Dazu gehört auch sich selbst zu bilden, wie die Gewaltformen und ihre Symptome aussehen und wie man Betroffene unterstützt. Bei letzterem sind die im Blogbeitrag verlinkten Broschüren von Unterstützer_innen wirklich tolle und praxisrelevante Leitfäden.

    (1) Betonung liegt auf „uneingeschränkt“. Die Strukturen der restlichen Gesellschaft sind schon so, dass alles was Betroffene sagen ignoriert/bezweifelt/verneint/relativiert wird. Wenn du Betroffenen nicht den vollen Glauben schenkst, bist du kein_e Unterstützer_in.

    [abschließender Hinweis: Der Kommentar wurde absichtlich anonymisiert abgegeben. Ich will weder Rückschlüsse auf Betroffene in meinem Umfeld zulassen, noch mich mit meinem Unterstützer_in-sein in den Vordergrund drängen]

  3. […] wie ich das ausdrücken und vor allem konkretisieren kann. Doch skategirl hat hier vor einem Monat einen Eid geschworen, dem ich mich hiermit voll und ganz anschließen möchte. Ich wünschte, viel mehr Menschen täten das, und würden das öffentlich machen, und ich suche […]


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