Verfasst von: skategyrl | 20/12/2012

„Du sollst die Tauben nicht füttern“

Tauben

„Tauben“ by m.rauh (CC-BY)

Ich muss so im Grundschulalter gewesen sein als mein Vater diesen Satz zu mir sagte. Du sollst die Tauben nicht füttern. Zu dem Zeitpunkt habe ich nicht weiter darüber nachgedacht, aber der Satz hat sich wohl in mein Gehirn eingebrannt und seit Kurzem muss ich öfter daran denken.

Du sollst nicht… Der Satz klingt fast wie ein Gebot aus der Bibel. Der Sinn darin soll sein dass wilde Tauben sich nur umso stärker vermehren und die Stadt verdrecken wenn man sie füttert. Das ist ja auch verständlich, Tauben sind ein grosses hygienisches Problem in vielen Städten. Das Problem ist dass mein Vater damit keine Vögel meinte, sondern Menschen.

Als Kind fand ich es immer ausgesprochen unangenehm, obdachlosen und/oder bettelnden Menschen zu begegnen, und ich wusste nie wie ich damit umgehen sollte. Weiss ich im Grunde bis heute nicht. Diese Menschen sind nicht schön anzusehen, machen vielleicht sogar Angst. Viele sind schmutzig, ihre Kleider zerrissen, ihre Gesichter sind vielleicht gezeichnet von Drogen- oder Alkoholmissbrauch.  „Penner“ sind sie, oder „Junkies“, alle irgendwie gleich, obwohl die Geschichten wie sie in diese Situation gekommen sind vermutlich sehr unterschiedlich sind.

Natürlich habe ich Mitleid mit diesen Menschen, ich möchte ihnen helfen, aber was soll ich tun? Ihnen einen Euro in die Hand drücken? Wenn ich das bei jedem/jeder mache bin ich bald selbst arm, und dennoch wäre es nicht genug um einen Unterschied zu machen. Und wenn ich einem Bettler ein bisschen Geld in die Hand drücke, mache ich das dann nicht nur um mein Gewissen zu beruhigen? So oder so fühle ich mich schlecht. Tief unten wünsche ich mir, diese Menschen wären nicht mehr da, dass da keiner mehr sitzt wenn ich durch die Fussgängerunterführung gehe oder über den Bahnhofsvorplatz.

Das impliziert ja auch der Spruch mit den Tauben, wenn du sie nicht weiter fütterst, verschwinden sie irgendwann. Was das ganz konkret heisst, darüber will man lieber nicht nachdenken. Lieber schnell weitergehen.

Obdachloser, auf der Strasse schlafend

„Warmth“ by cycloctopus (CC-BY)

Wie ekelhaft und menschenverachtend diese Art zu denken ist, wurde mir erst viel später klar. Kürzlich habe ich mich mit einem Kollegen darüber unterhalten dass jeden Winter Menschen auf der Strasse erfrieren. Er meinte nur, dass man sich in Deutschland schon sehr anstrengen müsse um obdachlos zu werden. Das hat mich echt umgehauen. Ob das soziale Netz ausreichend ausgebaut ist, ob HartzVI zumutbar ist, ob man jemandem die Schuld für sein Drogen- oder Alkoholproblem geben kann oder nicht, darüber kann man diskutieren, aber selbst wenn diejenige Person einen Fehler gemacht hat, heisst das dass man sie einfach im Stich lassen darf?

Das wahre Ausmass des Problems erkennt man schnell wenn man diese Gedanken einen Schritt weiterführt. Wenn ich bei Rot über die Ampel fahre und einen Unfall habe, sollen mich die Ärzte dann sterben lassen weil ich ja selbst Schuld war? Oder dürfen wir jetzt einteilen in lebenswürdiges und -unwürdiges Leben? Was ist dann mit alten Menschen, mit Kranken, mit Behinderten? Sie erfüllen keinen Zweck, bringen der Gesellschaft keinen Nutzen, ja sind sogar eine Belastung. Genau so haben damals schon die Nationalsozialisten argumentiert und für viele solcher Menschen den „Gnadentod“ angeordnet.

In unserem Land macht sich eine soziale Kälte breit die mir bis ins Mark zieht und mich zittern lässt.

Advertisements

Kategorien

%d Bloggern gefällt das: