Verfasst von: skategyrl | 07/03/2013

Hallo Veggie!

Disclaimer: Ich benutze in diesem Text den Begriff „Veggie“ als Bezeichnung für Menschen die sich vegetarisch oder vegan ernähren. Das ist schön kurz und braucht praktischerweise auch nicht gegendert zu werden. Dafür ist der Post umso länger ;)

Mahlzeit! Ich wollte schon länger mal über das Thema Vegetarismus/Veganismus bloggen, musste aber jetzt erstmal wieder warten bis der Wirbel um den jüngsten Lebensmittelskandal abgeflaut ist und diese unsäglichen(!!!) Pferde- und Ponywitze im Twitter-Nirvana versickert sind. Jetzt habe ich mir aber endlich die Zeit genommen, und habe sogar noch 3 tolle Menschen für ein kleines Interview gewinnen können: Und zwar sind das @AranJaeger, @bartmeise und Joël (@JollySea/Blog).

Worum es mir dabei ging waren weniger die diversen Gründe sich für ein vegetarisches/veganes Leben zu entscheiden (wer sich dafür interessiert mag sich die Linksammlung unten zu Gemüte führen), sondern mein Fokus lag darauf wie Veggies und Omnivore („Allesfresser“/Nicht-Veggies) miteinander umgehen.

An dieser Stelle muss ich mal disclaimern, auch wenn es hier nicht um mich gehen soll: Ich bin selbst gar keine Veggie. Ich lebe ca. zu 90% vegetarisch und versuche darauf zu achten was ich konsumiere. Wenn zB in Frischkäse A Gelatine drin ist und in Frischkäse B nicht, dann kaufe ich B (was zum Henker hat da überhaupt Gelatine drin zu suchen?!). Ich gebe aber ganz offen zu dass es mir schwerfallen würde, komplett auf bestimmte Sachen zu verzichten, aus verschiedenen Gründen. Ich beschäftige mich allerdings viel mit dem Thema, auch weil es in meinem Freundeskreis viele Veggies gibt, und würde mich zumindest als Veggie-Ally* bezeichnen (gibt’s das?). Ich rege mich auch oft darüber auf dass Inhaltsangaben versteckt sind oder dass in der Mensa die vegetarischen Menüs standardmässig kleiner sind als die mit Fleisch oder Fisch.

Was ich gar nicht nachvollziehen kann ist dass offenbar viele Fleischesser_innen das Bedürfnis haben, auf Veggies rumzuhacken oder sich mindestens über sie lustig zu machen. Wie Scheisse ist das bitte?! Zuallererst einmal hat niemand das Recht jemand anderem reinzureden wie sie oder er sich ernährt. Punkt. Und die Art und Weise wie solche Angriffe (ja, teilweise treten da echte Aggressionen zutage) stattfinden sagt auch einiges über diese Leute aus.

Allein bei diesen Sprüchen kommt es mir hoch. „Vegetarier ist ein altes Indianerwort für schlechter Jäger“ ist nicht nur dämlich sondern auch rassistisch. Und da Fleisch zu essen aus irgendwelchen Gründen für besonders (hetero-)männlich gehalten wird ist die Homophobie bei solcherlei Witzen auch nicht weit („Tofu ist schwules Fleisch“). Was für mich persönlich den Vogel abschiesst ist aber „Vegetarier essen meinem Essen das Essen weg“(**). Wenn man bedenkt dass Viehzucht ein gewaltiger Klimakiller ist und dass das Getreide das an Schweine und Kühe verfüttert wird viel mehr Menschen satt machen würde als das Fleisch es tun könnte, ist die Aussage nicht nur haarsträubend falsch sondern geradezu zynisch. Auf mich wirken diese ganzen Sprüche immer so als würden diese Leute schlicht ihr eigenes schlechtes Gewissen an anderen auslassen (Freud, anyone?). Je schlimmer das zwickt, desto aggressiver werden sie.

Oft verteidigen sich die Fleischesser_innen damit dass die Veggies angeblich so militant wären und ständig die anderen missionieren und sogar beschimpfen. Ich persönlich habe das so noch nie erlebt. Natürlich habe ich schon einige Diskussionen geführt, aber auch innerhalb der Veggie-Gemeinschaft wird ja auch mitunter hitzig darüber gestritten was alles „erlaubt“ ist und was nicht.

Aber das ist meine subjektive Empfindung, lest selbst was meine Interview-Partner_innen zu sagen haben:

1.) Welche Reaktionen von Fleischesser_innen im Umgang mit deiner vegetarischen/veganen Lebensweise nerven dich am Meisten?

Joël: Am Anfang haben die üblichen Fragen à la „Isst du denn Fisch? Oder Geflügel?“ mich ziemlich genervt, heute kommt das eher selten vor. Das gut gemeinte „ich esse wenig/selten Fleisch“ entpuppt sich meist spätestens nach dem ersten gemeinsamen Abstecher zum Kebapstand als Einbildung. Generell sind das ja alles Abwehrreaktionen, um das eigene Essverhalten nicht reflektieren zu müssen.

Aran: Mich persönlich nerven eigentlich fast alle Reaktionen darauf. Es mag für Aussenstehende vielleicht doof klingen aber es ist oft lästig darauf angesprochen zu werden das mensch Veganer ist. Egal wie nett und lieb sie gemeint [sind], Kommentare zu meinem Veganismus nerven mich einfach nur noch weil ich dann das Gefühl habe wie eine Schallplatte immer und immer wieder zu sagen: „[…] Ja ich esse ausgewogen genug. Nein es ist nicht so teuer wie mensch denkt […]“ usw. usf. Dies geht inzwischen so weit das ich in Gruppen in denen mensch mich nicht kennt versuche solange wie möglich mein Essensverhalten zu verschleiern. Am meisten von allem nervt mich aber: „Ja ihr Veganer esst doch unserem Essen das Essen weg“ & wenn ich gleich als „Ökospinner“ angesehen werde.

bartmeise: ich ernähre mich seit 12 jahren vegetarisch und seit einem halben jahr vegan. mit anfeindungen werde ich also regelmäßig konfrontiert. […] es scheint, als fühlten sich fleischesser_innen allein durch meine persönliche entscheidung, vegan zu essen, angegriffen.
darüber hinaus werden mir oft gespräche über gesunde ernährung aufgezwungen. mal wird mir unterstellt, ich äße super gesund. mal wird mir vorgehalten, ich ernähre mich mangelhaft, das könne ja gar nicht gesund sein. well, that’s none of your business.

2.) Welche Reaktionen würdest du dir wünschen?

Aran: Entweder keine oder „Oh ich finde gut das du das machst.“ oder „Ich war/bin auch mal Vegetarier Veganer (gewesen).“

bartmeise: ich würde mir wünschen, dass meine entscheidung, mich vegan zu ernähren, einfach so akzeptiert wird. wer sich über eine solche ernährung informieren möchte – es gibt unzählige quellen im internet. ich möchte mich nicht ständig erklären müssen.

Joël: Ich habe nichts gegen Diskussionen […] Eine „richtige“ Auseinandersetzung kann durchaus bereichernd sein.
Ich will ernst genommen werden und ich wünsche mir, dass auf meine Essgewohnheiten Rücksicht genommen wird, vor allem bei Essenseinladungen (z.B. zu Familienfeiern) in ein Restaurant oder Ähnliches.

3.) Wie sollten deiner Meinung nach Veggies miteinander und mit Fleischesser_innen umgehen?

bartmeise: ganz einfach: solidarisch sein. dass die entscheidung, sich vegan zu ernähren, akzeptiert werden sollte, steht außer frage. darüber muss nicht diskutiert werden.
für mich bedeutet solidarität z. b., dass bei einem zusammentreffen von leuten unterschiedlicher ernährungsweisen einfach für alle vegan gekocht wird. ich möchte nicht in die situation gebracht werden, irgendwelche nachteile zu haben, vorgeführt oder ausgegrenzt zu werden. hey, pommes sind vegan. spaghetti mit tomatensoße sind vegan, im internet finden sich tausendfach rezepte zu den tollsten veganen kuchen und torten.

Joël: Vegetarier_innen und Veganer_innen sollten möglichst solidarisch miteinander umgehen;  ansonsten gilt „essen und essen lassen“. Wie sehr man mit seinen Essgewohnheiten und seinen ethischen Überzeugungen hausieren geht, muss im Endeffekt jede_r selbst entscheiden, ich persönlich finde einen freundlichen Umgangston meistens angebrachter. Ich „missioniere“ nicht gerne, freue mich aber, wenn Fleischesser_innen weniger Fleisch essen bzw. ihren Konsum reflektieren.

Aran: a) Die Gruppe „Veggie“ ist erstmal keine einheitliche Gruppe weswegen es auch schwierig ist sie zu „organisieren“ […]. Hier kann mensch also nur ein Allgemeinplätzchen verteilen: Respekt füreinander haben & sich solidarisch verhalten. Ansonsten: Share ALL the Veganen Rezepte \o/
b) Mit Omnivoren ist das so eine Sache. Veggies lernen recht früh da sie […] schnell in die Ecke gedrängt werden das sie die „Freiheit der Omnivoren“ bedrohen. Da es aber darum geht Menschen von seiner Idee zu überzeugen bringt es eigentlich fast nie etwas Diskussionen anzufangen. Hier habe ich mir einfach zur Regel gemacht sobald jemand zu mir kommt und wirklich ernsthaft darüber diskutieren will dann diskutiere ich darüber. Wenn ich merke ich werde getrollt unterbreche ich das Gespräch. Auch das Zeigen von brutalen Bildern der Schlachtung der Tiere oder Ähnliches, zu Zwecken der Überzeugung lehne ich ab da dies meist die gegenteilige Wirkung hat.

4.) Welche Änderungen würdest du dir von der Nahrungsmittelindustrie wünschen? Welche lebensmitteltechnischen Innovationen erhoffst du dir in der Zukunft?

Aran: Dass sie Tiere nicht mehr schlachten und ausbeuten wäre zu leicht, oder? :P
Ich würde mir wünschen das es verbindlich wäre auf vegane Produkte die „Sonnenblume“ zu drucken. Diese ist das allgemein akzeptierte Zeichen des Veganismus und würde mir damit ersparen […] immer wieder Inhaltsangaben auf der Verpackung durchzulesen.
Ich würde mir bei manchen veganen Produkten wünschen das sie billiger werden; dies liegt aber oft auch in der Macht des Konsumenten. An sich gibt es meiner Meinung nach genug vegane Ersatzprodukte[…]. Ja nicht jedes Produkt schmeckt wirklich nach dem zu ersetzenden, aber wenn mensch lange genug sucht findet er eigentlich fast IMMER einen passenden Ersatz.
Den einzigen „großen Sprung“ den ich mir von der Nahrungsmittelindustrie allerdings erhoffe ist aber eine kostengünstige Möglichkeit Fleisch ohne das Tier zu züchten. Es gibt bereits jetzt die Möglichkeit Fleisch künstlich herzustellen es ist allerdings noch zu teuer.

Joël: Ich würde mir mehr vegane Süßigkeiten und vor allem eine große Auswahl an veganem Käse wünschen. Diese zwei Dinge halten mich bisher noch davon ab, vegan zu werden.

bartmeise: ein erster schritt wäre die einführung eines food labelling systems. das bedeutet, dass alle produkte, die du im supermarkt oder im restaurant kaufen kannst, gekennzeichnet sind, ob sie vegan sind oder nicht, vegetarisch, glutenfrei etc.
und als zukunftsvision: ich würde mir wünschen, dass bald niemand mehr glaubt, wir seien auf tierische produkte angewiesen. pikant gewürzte, faserige eiweissprodukte müssen nicht tierischer herkunft sein.

Danke an euch alle!

Also halten ich mal abschliessend fest: Wir sollten alle besser mit einander umgehen, solidarisch sein und auch mal zuhören statt immer weiter Vorurteile zu propagieren und bestehende Gräben noch tiefer auszuheben. Und Lebensmittel sollten auf jeden Fall generell besser gekennzeichnet werden. Da haben wir nämlich alle was von.

Falls jetzt jemand Hunger gekriegt hat, morgen gibt es hier im Blog leckere Veggie-Rezepte!

Links:

Homepage vom Vegetarierbund Deutschland: http://www.vebu.de/

Informative Seite über die Klima-Aspekte von Nutztierhaltung, mit Links auf die Welternährungsorganisation: http://www.vegetarismus.ch/klimaschutz/

„Shit people say to vegetarians“ (Video): http://www.youtube.com/watch?v=sIrlBcY4CLc

Defensive Omnivore Bingo: http://www.easyvegan.info/bingo-cards/

„The dumbest things people say to vegetarians and vegans“: http://kerryg.hubpages.com/hub/The-Dumbest-Things-People-Say-To-Vegetarians-and-Vegans

Über diese Geschichte dass Adolf Hitler angeblich Vegetarier war: http://www.daswissensblog.de/hitler-war-vegetarier-und-andere-unwahrheiten-ueber-adolf/

Über Konflikte innerhalb der Veggie-Gemeinschaft: http://idogiveadamn.blogspot.de/2012/12/uber-die-vegane-weltrettungskackscheie.html

* Es würde mich auch echt mal reizen zu analysieren, ob es so etwas wie ein Privileg ist, Omnivor zu sein.

** falls sich noch jemand erinnert, das war damals™ eine sehr gut besuchte StudiVZ-Gruppe und erfreut sich bei Facebook und auf T-Shirts etc.  auch jetzt noch grosser Beliebtheit

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Responses

  1. […] meinem gestrigen Post über den Umgang von Vegetarier_innen und Veganer_innen mit Nicht-Veggies habe ich es ja schon angedroht: Ich möchte euch ein paar meiner Lieblings-Rezepte vorstellen und […]


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