Verfasst von: skategyrl | 01/03/2014

Das Leben der anderen

Stop-Schild

By Bidgee (Own work) [CC-BY-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/3.0)%5D, via Wikimedia Commons

Die Ampel, an der ich sonst jeden Morgen warten muss, steht heute ausnahmsweise auf Grün. Ich freue mich, so kann ich endlich mal meinen Schwung ausnutzen und noch ein bisschen in die Pedale treten statt wie sonst auf die Bremse, nur um dann mühselig ein paar Sekunden später wieder von Null anfahren zu müssen. Gerade als ich die Kreuzung erreiche jagt ein Adrenalinschub durch meinen Körper, denn meine Augen haben ein Auto erfasst das mit hoher Geschwindigkeit genau auf mich zukommt. Ob der Blinker das Linksabbiegen ankündigt kann ich nicht mehr sagen, jedenfalls ist der Wagen auf Kollisionskurs mit mir. Ich lege eine Vollbremsung ein, komme ins Schleudern, kann gerade noch das Ausbrechen meines Hinterrads stoppen und so einen Sturz verhindern. Der Autofahrer… vermindert seine Geschwindigkeit gerade so weit um ca. einen Meter vor meinem Lenker abbiegen zu können, um dann an dem kleinen mobilen Imbiss direkt hinter der Kreuzung anzuhalten und sich in aller Seelenruhe einen Coffee to go zu holen*.

Wenn ich an dieser Stelle einen kurzen Moment unaufmerksam gewesen wäre oder nicht so gute (jahrelang trainierte Gamer-)Reflexe gehabt hätte, wäre diese Situation vermutlich nicht so glimpflich ausgegangen. Die meisten von euch werden sicherlich ähnlich haarsträubende Geschichten erlebt haben, gegen die man im Grunde nichts machen kann aber die eins mit einem brodelnden Gemisch aus Wut, Angst und Frustration zurücklassen. Gerade auf dem Fahrrad ist man besonders gefährdet, weil man in Relation zu der hohen Fahrtgeschwindigkeit wegen der fehlenden Knautschzone praktisch ungeschützt ist. Aber selbst im Auto ist man nie zu 100% sicher, auch wenn man selbst sich korrekt verhält und noch so vorausschauend fährt.

Ich habe das Gefühl, der Strassenverkehr ist in vierlerlei Hinsicht ein Spezialfall wo die üblichen Regeln des menschlichen Umgangs ausser Kraft gesetzt werden. Nirgendwo sonst kommt man so direkt mit einem so breiten Querschnitt der Bevölkerung in Kontakt, und nirgendwo sonst gibt es ein solches Aggressionspotential. Nicht ohne Grund gibt es einen separaten, sehr detaillierten Bussgeldkatalog für Beleidigungen im Strassenverkehr.

Zunehmend verbreitet sind jetzt daher auch Dashcams (bei Autos) bzw Helmkameras (bei Fahrrädern). Diese bewegen sich im Moment noch in einer rechtlichen Grauzone, v.a. wenn die Videos bei Youtube etc. öffentlich gemacht werden. Ich persönlich finde einen solchen „Online-Pranger“ auch nicht sinnvoll, andererseits habe ich definitiv kein Problem damit wenn man Aufnahmen von Verstössen an die Polizei weitergibt. In dem Zusammenhand von „Denunziantentum“ zu sprechen halte ich für gefährlichen Blödsinn. Wenn ich Zeugin eines Verstosses oder Verbrechens werde habe ich das Recht, vielleicht sogar die Pflicht, das anzuzeigen – wenn ich dafür handfeste Beweise habe, umso besser. Das heisst jetzt nicht dass man jedes knappe Überholmanöver zur Anzeige bringen muss. Aber Leute die sich einmal so rücksichtlos verhalten haben, tun das wahrscheinlich regelmässig und sind daher nicht einfach „nur“ Arschlöcher, sondern stellen eine reale Gefahr für die Allgemeinheit dar.

Ich schreibe jetzt in erster Linie aus der Perspektive einer Radfahrerin, weil das zur Zeit das Verkehrsmittel ist das ich persönlich am Häufigsten nutze. Ich versuche mich immer an die Regeln zu halten, ich weiss aber auch dass viele Radfahrende sich so verhalten als würden für sie keine oder andere Regeln gelten, weil sie ja „nur“ mit dem Fahrrad unterwegs sind. Manche ignorieren rote Ampeln und Vorfahrtsregeln oder fahren im Dunkeln ohne Licht, ohne dabei zu realisieren dass sie sich selbst damit in grosse Gefahr bringen, aber auch indirekt andere. Wenn ein Auto unerwartet einem Fahrrad ausweichen muss, könnte es zu einem Unfall kommen bei dem vielleicht nicht der Radfahrer oder die Radfahrerin selbst, dafür aber eine unbeteiligte Person zu Schaden kommt. Und in den Köpfen der Autofahrenden wird damit auch die Vorstellung zementiert, dass sich alle Radfahrenden generell im Strassenverkehr rücksichtlos verhalten. Das kann dazu führen dass die Autofahrenden bei der nächsten Begegnung mit einem Fahrrad sich aus Rache dann ebenso rücksichtslos verhalten.

Foto einer Unfallstelle um die Rettungskräfte versammelt sind

By MoserB.MoserB at German Wikipedia (selbst fotografiert) [Public domain], from Wikimedia Commons

Das bewusste „kampfradeln“ mit der trotzigen Begründung dass die Ampeln etc nicht auf Fahrräder ausgelegt sind kann ganz sicher nicht die Lösung sein. Dann können wir Verkehrsregeln auch gleich abschaffen. Nein, das Problem hat nichts direkt mit dem jeweiligen Verkehrsmittel zu tun, sondern steckt schon in den Köpfen der Menschen die sich wie die letzten Arschgeigen verhalten oder sich zumindest nie bewusst gemacht haben dass sie auch für das Leben der anderen Menschen verantwortlich sind wenn sie am Strassenverkehr teilnehmen. Auf kurze Sicht muss eine politische Lösung her, bei der alle Beteiligten im Strassenverkehr angehört und berücksichtigt werden und nicht einzelne Gruppen pauschal beschuldigt werden. Auf längere Sicht müssen die Menschen ihr Verhalten ändern, denn dieses Klima der Rücksichtslosigkeit macht die ganze Gesellschaft kaputt.

An dieser Stelle möchte ich euch einmal vom kategorischen Imperativ erzählen. Dieser etwas sperrige Begriff meint nichts anderes, als dass jede_r sich an die Regeln halten sollte die für alle gelten (leicht vereinfacht, die exakte Definition gibt es hier). Andersrum formuliert würde das System „Gesellschaft“ zusammenbrechen wenn sich zu viele Menschen nicht daran halten. Beispiele aus dem Alltagsleben wo der kategorische Imperativ gebrochen wird sind Steuerhinterziehung, Vordrängeln oder Ladendiebstahl, aber eben auch, wenn jemand unter Einfluss von Alkohol (oder anderen Drogen) Auto fährt, jemandem die Vorfahrt nimmt oder über eine rote Ampel fährt. Unverbesserliche Deppen und Egoisten wird es immer geben, das ist klar. Aber wenn ein paar mehr Leute den kategorischen Imperativ befolgen würden, wäre schon viel gewonnen.

Also bitte, und das geht an alle, denkt einfach mal kurz nach bevor ihr in den Wagen steigt oder aufs Moped oder wasauchimmer. Ich will nicht, dass der Weg zur Arbeit, zum Supermarkt oder auf eine Party zum Krieg stilisiert wird. Ich will nur unversehrt und in angemessener Zeit von A nach B kommen. Ich denke mal, das wollt ihr auch, oder?

Nachwort

Zum Abschluss noch eine kleiner Rant zu SUVs. Es gibt nämlich Autos, und es gibt AUTOS. Und wenn du in einen Unfall mit einem AUTO gerätst, wird es dir auch nicht mehr viel helfen wenn du selbst in der relativ geschützten Innenkabine eines Autos sitzt (auf dem Fahrrad oder per pedes hast du eh quasi keine Chance). Wegen schlichter Physik verursachen nämlich die deutlich schwereren SUVs im Vergleich zu normalen Autos bei gleicher Geschwindigkeit viel grössere Schäden (Quelle zB hier und hier). Tragischerweise betrifft das allerdings nur die Unfallgegner, d.h. um sich selbst und die eigene Familie besser zu schützen macht es durchaus Sinn, einen SUV zu fahren (was aber wieder gegen den kategorischer Imperativ verstossen würde). Man nimmt damit aber potentiell schwere bis tödliche Verletzungen anderer Verkehrsteilnehmer in Kauf. Auch hier sehe ich wieder die Politik in der Verantwortung, denn so lange solche „motorisierte Mordwaffen“ (lasse mich hier gerne zitieren) erlaubt sind, werden Leute sie kaufen.

* Ich spare mir hier die Vergleiche zwischen Kaffeetrinkern und Suchtkranken.

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